Besançon, 12./13.07.2025 – Bei hochsommerlichen Temperaturen versammelte sich die Elite der Ultramehrkämpfer im französischen Département Doubs zur 31. Weltmeisterschaft im 14- bzw. 20-Kampf. Rund 90 Athletinnen und Athleten aus 16 Nationen begaben sich auf die kräftezehrende zweitägige Jagd nach Titeln und Platzierungen. Mit Barbara Hillmann, Eva Schwarz, Daniela Winkler, Günther Schmid und Markus Stiegler stellte der SSV Ulm 1846 gleich fünf der insgesamt 13 deutschen Teilnehmer. Unterstützt wurden sie von Hermann Hillmann, der sich erneut als wertvoller Teambetreuer erwies.
Bereits die feierliche Eröffnungszeremonie mit dem Einmarsch der Nationen am Freitagabend war für die beiden Debütantinnen Daniela und Eva ein erster emotionaler Höhepunkt. Aber auch für die erfahrenen Ultra-Mehrkämpfer Barbara, Günther und Markus war die erhabene Stimmung im Stadion deutlich zu spüren. Noch einmal schlafen, dann geht´s los. Fokus an.
Traditionell starten die 20-Kämpfer-Masters in diesem Wettkampf-Set als erste am frühen Samstagmorgen um 8 Uhr mit den 100 Metern und eröffnen damit stellvertretend für alle die “Spiele”. Mit dabei: Markus in der Altersklasse M55. Nach einem etwas verhaltenen Sprint und einem soliden Weitsprung zeigte er über 200 Meter Hürden mit 31,71 Sekunden seine schnellste Zeit seit sieben Jahren.
Währenddessen trafen auch die 14-Kämpferinnen und -Kämpfer im Stadion ein. Aufgrund technischer Probleme bei der Zeitmessung kam es bereits vor dem Start der ersten Disziplin zu Verzögerungen – ein langer Wettkampftag war absehbar. Da hieß es: Nerven behalten und konzentriert bleiben. Dass dies bei 30 Grad und kaum Schatten gar nicht so einfach ist spürten nach einer knappen Stunde Wartezeit auch die Tapfersten. Als endlich der Startschuss zu den 100 Meter Hürden fiel, startete unsere Routinierin Barbara (W55) zunächst stark in den Lauf. Doch an der zehnten Hürde kam sie ins Straucheln und stürzte schmerzhaft auf die Schulter. Unter dem tosenden Applaus der Zuschauer kämpfte sie sich dennoch ins Ziel – eine wahre Kämpferin! Daniela und Eva (beide W40) legten ihre Anfangsnervosität ab und meisterten die zehn Hürden unbeschadet mit guten Zeiten – sie waren im Wettkampf angekommen. Für Dani war es der erste Hürdenwettkampf seit 30 Jahren!
Für Günther (M55) kam der 20-Kampf in diesem Jahr noch zu früh. Stattdessen nutzte er den 14-Kampf als Vorbereitung auf höhere Ziele in der neuen Altersklasse im kommenden Jahr – und als Gelegenheit, seine umfangreiche Erfahrung an Daniela und Eva weiterzugeben. Im Hochsprung wurde es für Daniela spannend: Erst im dritten Versuch überwand sie ihre Einstiegshöhe, zeigte dabei aber starke Nerven. Die nächste Höhe meisterte sie souverän. Aufgrund einer vorangegangen Mittelfußfraktur dosierte Eva bei den Sprüngen und weiteren technischen Disziplinen sehr genau, um die Chancen zu erhöhen, dass der Fuß bis zum Ende der 14. Disziplin hält. Einzelne Sicherheitssprünge und -stöße mussten es diesmal tun. Die Befürchtung, dass der Fuß wieder Probleme machen könnte, lief trotzdem - vor allem an Tag 1 - unentwegt mit. Bei den anschließenden 1500 Meter zeigte Günther dann auf welche Disziplinen er trainiert hatte und überzeugte mit einer starken Leistung.
Markus hatte nach dem Kugelstoßen sowie den 5000 Metern und seiner Mittagspause auch die 800 Meter absolviert. Im Hochsprung dann der Rückschlag: Krämpfe in beiden Waden verhinderten ein Weiterspringen, zum Glück stand bereits eine Wertung zu buche. Umso wichtiger war es nun, die Muskulatur für die 400 Meter wieder locker zu bekommen – was ihm eindrucksvoll gelang. Mit einer hervorragenden Zeit bewies er seine Kämpferqualitäten. Beim Hammerwurf – zum ersten Mal seit zwei Jahren – landete das Gerät direkt im ersten Versuch bei guter Weite im Sektor und erfüllte damit voll die Erwartungen.
Gestärkt vom Mittagessen starteten Barbara, Daniela, Eva und Günther in den zweiten Wettkampfabschnitt des ersten Tages mit den 400 m Hürden. Eva und Günther legten ein beachtliches Tempo vor, während Barbara das Rennen kontrolliert anging – verständlich nach ihrem Sturz am Vormittag. Sie wollte keine weiteren „Andenken“ in Form von Abschürfungen und Prellungen mit nach Hause nehmen. Daniela zeigte bei ihrem allerersten 400 m-Hürdenlauf großen Respekt vor der Disziplin – ihr Ziel: heil ins Ziel kommen. Und das gelang ihr wunderbar. Danach war ihr die Erleichterung deutlich anzusehen!
Beim anschließenden Kugelstoßen lief es bei allen rund – gute Leistungen und wertvolle Punkte. Mit den 200 m endete der erste Wettkampftag der 14-Kämpferinnen. Besonders Eva setzte hier ein Ausrufezeichen: Sie lief eine Zeit, die sie selbst ohne fünf vorangegangene Disziplinen nicht alle Tage auf die Bahn bringt – ein rasanter Abschluss vor der wohlverdienten Dusche. Danach hieß es: Essen, entspannen und Kräfte sammeln für den aus Zuschauersicht oft spektakulärsten Moment des Tages – den 3000 m Hindernislauf der 20-Kämpfer.
Für Markus bedeutete das: höchste Konzentration über 7½ Runden – mit der realen Gefahr, im Wassergraben zu landen. Doch auch diese Herausforderung meisterte er bravourös und beendete einen langen Wettkampftag ohne größere Blessuren. Jetzt war auch für ihn Regeneration angesagt. Und die beginnt, na klar, mit den Füßen im Wassergraben! Diesmal ohne Gefahr, dafür aber mit Gesellschaft: Team Germany versammelte sich zum Abschluss von Tag 1 am besten Ort, an dem man bei dieser Hitze sein konnte oder wollte, nämlich im kühlen Nass.
Neuer Tag, neue Herausforderungen
Die Nacht war kurz, der Schlaf unruhig – zu viele Gedanken kreisten um den Wettkampf. Doch freiwillig angetreten, hieß es: aufstehen, frühstücken, Sachen packen und ab ins Stadion.
Für Markus begann der zweite Tag wie gewohnt um 8 Uhr – diesmal deutlich wacher als am Vortag. Über 110 m Hürden lieferte er sich ein packendes Duell mit dem führenden Südafrikaner und amtierenden Weltmeister Olof van Zyl und blieb nur knapp hinter diesem – ein starkes Signal. Stabhochsprung, 200 m, Diskus – alles im Soll. Auch die 3000 m in der Mittagshitze überstand er gut und durfte die kurze Mittagspause antreten.
Mittlerweile waren auch die 14-Kämpferinnen wieder am Start. Mit starken 100 m-Zeiten und weiten Weitsprüngen gelang ein Top-Einstieg in den zweiten Tag. Eva zeigte anschließend über 400 m in Anbetracht der Verletzungsvorgeschichte und des monatelangen Trainingsausfalls eine bravouröse Leistung. Ganz langsam ließ im Verlauf des zweiten Wettkampftages im Kopf die Befürchtung einer erneuten Verletzung nach. Nach dem Speerwurf ging es auch für Barbara, Dani, Eva und Günther in die verdiente Mittagspause.
Im Anschluss an ein französisches Mittagessen galt es die bange Frage zu beantworten, wie man mit diesen Beinen noch über zehn 84cm-hohe Hürden laufen soll – Nächste Herausforderung: 400 m Hürden – Disziplin Nummer 16. Markus brachte es auf den Punkt: „Die kann richtig wehtun.“ Umso größer die Erleichterung, als er 80 Sekunden später heil im Ziel war. Nur noch vier Disziplinen! Count-down!
Nach dem Speerwurf und den 1500 m gelang ihm im Dreisprung sogar der weiteste Satz der gesamten M50+-Gruppe – beeindruckend, wie er nach 18 Disziplinen die Beine noch einmal zu 20,80 m Anlauf mit anschließendem Hop-Step-Jump mobilisieren konnte und damit sogar den alten und vermeintlich zukünftigen Weltmeister hinter sich ließ. Das können eben nur echte und eingefleischte Ultramehrkämpfer.
Zurück zum 14-Kampf: Günther glänzte erneut über 800 m – eine großartige Zeit. Auch die anderen meisterten die Strecke mit Bravour. Danach standen die ungewohnten 200 m Hürden an. Eva zeigte hier noch einmal ihre Sprintfähigkeiten – bemerkenswert nach zwölf Disziplinen. Das Diskuswerfen fand unter dem Beifall der Zwanzigkämpfer statt, die direkt nebenan minutenlang auf ihren 1500m-Start warteten. Zu diesem Zeitpunkt tat die gegenseitige Stimmungsaufhellung allen gut und beflügelte nochmals für das große Finale des Vierzehnkampfs: die 3000 m.
Finale mit Gänsehautmomenten
Günther machte den Anfang – seine Erfahrung aus sieben Ultramehrkämpfen zahlte sich aus und er lieferte wie gewohnt, aber auch komplett schonungslos gegenüber sich selbst ab. Gratulation!
Dann rückte Daniela in den Fokus: nach einem vorübergehenden mentalen Tief zwischen den Disziplinen 10 und 13 wirkte sie jetzt wieder souverän und bereit die letzten 3000m in Angriff zu nehmen. Auf den finalen Runden spürte man förmlich, wie sie den Wettkampf innerlich noch einmal durchging und die vielen Eindrücke mit allen Sinnen in sich aufsaugte – mit dem Schritt über die Ziellinie war die Mission erfüllt! Barbara und Eva bildeten zunächst eine Zweckgemeinschaft. Barbara lief ihr gewohnt gleichmäßiges Tempo, Eva nutzte den Shuttleservice dankbar und blieb an ihren Fersen. Zwei Runden vor Schluss zog Eva das Tempo an. Mit der Deutschlandfahne in der Hand lief sie ein letztes Mal in diesem Wettkampf erschöpft, aber strahlend über die Ziellinie. Wenig später kam auch Barbara glücklich ins Ziel.
Alle vier Vierzehnkämpfer vom SSV Ulm konnten damit ihren Wettkampf erfolgreich beenden, womit der größte Wunsch -natürlich von allen SSV-Athleten, aber vor allem der Ultramehrkampf-Neulinge Dani und Eva- in Erfüllung gegangen ist. Als das gelungen war, lagen da so viele Emotionen nach Luft japsend auf der Bahn: Freude und Erleichterung, aber auch Dankbarkeit für die Unterstützung von allen Seiten, ohne die so eine Unternehmung nicht möglich wäre und vielleicht auch ein bisschen stolz. Nach den vielen schwierigen Monaten voller “Wehwehchen” von der Bänderdehnung, über eine Sitzbeinentzündung bis hin zur Thrombose oder eben dem erwähnten Mittelfußbruch sowie dem schlimmen Sturz von Barbara in Disziplin 1 von 14 war im Voraus schlicht und ergreifend nicht abzusehen, wie weit die Beine durch diesen kräftezehrenden Wettkampf tragen würden. Umso höher sind die Leistungen von allen Athleten zu bewerten.
Herzlichen Glückwunsch an alle 14-Kämpferinnen und -Kämpfer zu zwei Tagen voller Höchstleistungen! Oder wie es der ebenfalls in Besançon anwesende Teammanager der deutschen Masters-Nationalmannschaft Jan-Boyke Seemann treffend formulierte: „14 Disziplinen in zwei Tagen – das muss man auch wollen. Aber sie wollten es, und sie waren sehr tapfer. Sehr, sehr cool – herzlichen Glückwunsch!“
Aber der Wettkampf war noch nicht für alle Teilnehmer vorüber, denn den Zwanzigkämpfern standen ja noch ihre abschließenden 10000m bevor. Ein aufziehendes Gewitter mit heftigem Regenschauer sorgte für eine kurze Unterbrechung. Danach konnte endlich die erste Gruppe an die Startlinie treten. Ganz der erfahrene Ultramehrkämpfer, verlegte Markus sein Einlaufen kurzerhand direkt in den Lauf (Warmmachen nach 19 Disziplinen muss effizient ausfallen). Nach etwa 3 km hatte er seinen Rhythmus gefunden und lief mit konstanten Rundenzeiten ins Ziel. Geschafft – und zufrieden. Damit hatte Markus ganz nebenbei, heimlich, still und leise seinen sage und schreibe zehnten (!) Zwanzigkampf gefinisht! Eine starke Leistung, lieber Markus, wir ziehen den Hut vor Dir!
Neben all den körperlichen Strapazen, mentalen Höhen und Tiefen, vor, nach und vor allem während des Wettkampfs, gibt es schließlich auch erfreuliche zählbare Ergebnisse für die SSV-Athleten:
Barbara Hillmann (W55) wurde Weltmeisterin und steht damit nach 2021 zum zweiten Mal auf dem obersten Podest. Eine kämpferische Glanzleistung ihrerseits, nach dem Sturz in der ersten Disziplin, den Wettkampf mit 13 weiteren Disziplinen so durchzuziehen. Gute Besserung an die Schulter!
Ultramehrkampf-Neuling Eva Schwarz (W40) wurde ebenfalls Weltmeisterin. Gold – ein Traum wird wahr. Die ständige Ungewissheit, das lange Bangen und Hoffen, ob es gelingt sich diesen langehegten Traum von der Teilnahme an diesem Wettkampf in diesem Jahr zu erfüllen, hat sich in Gold aufgelöst.
Daniela Winkler (W40) ebenfalls zum ersten Mal dabei, wurde direkt hinter ihrer Vereinskameradin Zweite und bringt die Silbermedaille mit nach Hause. Kurzfristig angemeldet und mit dem Ziel angetreten, alle Disziplinen zu absolvieren, hat sie ihr Ding gemacht und blickt mit Stolz, Dankbarkeit und auch Demut auf diese zwei Tage zurück.
Günther Schmid lieferte in seinem „Testwettkampf“ in den für ihn wichtigen Disziplinen ab, und stellt erneut unter Beweis, dass mit ihm nächstes Jahr zu rechnen ist. Es geht nicht ums Können und schon gar nicht ums Wollen, allein die körperliche Verfassung in Vorbereitung und Wettkampf sind das limitierende Element. Unangefochten wurde er Sieger in seiner Altersklasse M55.
Mit neuem persönlichen Punkterekord von 9724 Punkten erreichte Markus Stiegler in der M55 bei bärenstarker Konkurrenz den hervorragenden Vierten Platz. Stolz und voller Zufriedenheit über den Wettkampf, kann er sich nach nunmehr zehn erfolgreich beendeten 20-Kämpfen zurecht zum Kreis der weltweit erfahrensten Ultramehrkämpfer zählen. Chapeau! Ganz nebenbei bist es außerdem Du, lieber Markus, der uns andere Athleten in der Vorbereitung, der Organisation und der Durchführung solcher Wettkämpfe so selbstlos und hingebungsvoll unterstützt und damit vor allem für die Nachwuchstalente unter den Masters den Einstieg in diese Wettkampf-Welt überhaupt erst ermöglicht. Ganz herzlichen Dank dafür von uns allen!
Ein großer Dank gilt auch dem Trainerteam mit Julia Gastel und Karol Grolik, sowie der gesamten Trainingsgruppe. Ihr motiviert uns Tag für Tag und unterstützt uns in unseren Zielen, egal, wie verrückt diese auch sein mögen – Danke an euch alle!
Nach der nun so wichtigen Regenerationsphase beginnt bald wieder das Training für die kommenden Wettkämpfe des Jahres – darunter die Einzel- und Team-DM sowie der Jedermann-Zehnkampf Anfang Oktober im heimischen Donaustadion.
Auch im Ultramehrkampf stehen bereits die nächsten Highlights Fest: Im April 2026 findet die Hallenweltmeisterschaften in Helsinki statt, gefolgt von den Weltmeisterschaften 2027 im belgischen Turnhout. Die Reise geht weiter!
Von Eva Schwarz & Markus Stiegler